Draußen liegt eine eigentümliche Stille.
Dann kommt es in unsere Sinne, das Bewusstsein des Übergangs.
Vor ein paar Stunden endete das letzte Jahr-2025!
Im Körper schwingt noch das hohe Tempo der vergangenen Monate nach: Termine, soziale Herausforderung, Ängste und Ohnmachtsgefühle über den Zustand unserer Welt, parallele Anforderungen, das Getriebensein, Schnelligkeit, Überforderung, Erschöpfung. Auf der inneren Ebene ist das Nervensystem noch im Modus von Aktivität und Reaktion und überreizt. Und zugleich ist dieser Tag kulturell aufgeladen: Neujahr – ein kollektiv markierter Schwellenmoment, der auch ein feierliches Innehalten verspricht.
Viele von uns erleben hier eine typische Gleichzeitigkeit verschiedener Bewusstseinsebenen:
Da ist das Bedürfnis nach Rückzug, nach Entlastung, nach Seinlassen – ein innerer Zustand der nach Verbundenheit und Regeneration ruft.
Und gleichzeitig wirken andere innere Stimmen: Ziele formulieren, Vorsätze fassen, Wirksamkeit steigern, das neue Jahr „besser“ gestalten – ein Leistungs- und Optimierungsimpuls, tief verankert in unserer spätmodernen Kultur.
Beides ist da. Parallel und unintegriert.
Noch bevor wir in unsere innere Ruhe finden um wirklich lauschen zu können, was sich in der Tiefe regt – auf der Ebene von Sinn, Sehnsucht, vielleicht auch der anhaltenden Erschöpfung –, beginnen wir wieder zu planen. Als gäbe es keinen Zwischenraum, keine leere Phase zwischen Ende und Anfang. Wir springen meist schnell vom Erleben ins Handeln, vom Sein ins Tun.
Wie stark ist eigentlich unser Wunsch nach Verfügbarkeit dessen was wir permanent planen und welchen Wert hat für uns unsere Möglichkeit zur Steuerbarkeit!? Wie linear wir Leben dabei denken – als ließe es sich planen, optimieren und vorzeichnen. Auch das ist Teil unseres bisherigen kulturellen Entwicklungsstadiums: unsere Fixierung und unser Vertrauen in Machbarkeit, Fortschritt und Kontrolle.
Hartmut Rosa setzt hier einen entscheidenden Kontrapunkt:
„Lebendigkeit und wirkliche Erfahrung entstehen aus der Begegnung mit dem Unverfügbaren“
schreibt er. Aus jenen spontanen Erfahrungen die sich nicht planend herstellen lassen.
Resonanz, so Rosa, entsteht nicht durch mehr Tun, sondern durch Antwortbeziehungen: Wenn etwas uns berührt, anspricht, verändert. Und genau das lässt sich nicht erzwingen.
Die eigentliche Frage lautet also:
Was braucht es – in einer Kultur des permanenten Vorwärts, des Messens und Entwerfens –, um wirklich innezuhalten? Um nicht nur neue Ziele zu definieren, sondern wahrzunehmen, was wirklich werden will?
Aus integraler Perspektive beginnt die Antwort nicht auf der Ebene der Strategien, sondern im Körper. Dort, wo wir uns wieder spüren. Wo Tempo, Spannung und Müdigkeit wahrnehmbar werden. Wo Resonanz überhaupt erst möglich ist.
Vielleicht sind diese Neujahrstage 2026 weniger eine Aufforderung zur Neuausrichtung als eine Einladung zur Integration:
Die verschiedenen inneren Stimmen zu hören.
Die kulturellen Prägungen zu erkennen
und dem Unverfügbaren einen Platz einzuräumen.
Es muss nicht immer alles sofort eine Form annehmen! Manche Entwicklungen beginnen in der Stille und im Spüren,
und brauchen Zeit!
